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Es hilft alles nix. Mehr als 2.400 Jahre danach wird die Geschichte
des ersten verbürgten Langstreckenlaufs auf Leben und Tod umgeschrieben
werden müssen.
Seriös Spekulierende hatten immer angenommen, daß der Läufer von
Marathon nicht durch Erschöpfung verendete. Über lange Distanzen
zu hetzen, mit Brustpanzer und Schild, das waren die antiken Athleten
bekanntlich gewöhnt. Erinnern wird uns nur an die interkontinentalen
Eilmärsche des alexandrischen Teams. Es bleibt nur das eine plausibel,
der Jogger in Richtung Athen hatte nichts an den Füßen. Von wegen
"Wir haben gesiegt".
Der Mann war Verlierer: Nicht vorhandenes Schuhwerk führte bei
ihm zu Blasen, Blutungen und Burn out. Und dann kam Freund Hein
im Sauseschritt. Auch er, nach des Menschen Ebenbild gefertigt,
wird in Galoschen nach dem Schnittmuster des Adamskostüms angetrabt
sein. Vor derartiger Unbill sind die trabenden Menschen der post-coubertinischen
Ära in jeder Beziehung gefeit. Denn nachdem auch die Sportartikelindustrie
den Mut faßte, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen, vollzog
sich in der Tretertechnologie ein Paradigmenwechsel der wahnwitzigen
Art.
Während noch im Turniersport des späten Mittelalters die Kämpen
in Blecheimern stiefelnd einander in die Schranken wiesen, dieweil
ihr Fußvolk mannschaftsweise aufeinander eindrosch, die schorfigen
Zehen mit Lappen nur notdürftig geschützt, gibt es seit der Neuzeit
für jedwede Art von Bewegungskultur nur das eine Ding: den Scientific
Sneaker! Das neue Treterparadigma umschmeichelt Sportiven schon
fünfzig Jahre lang kräftig die Beine. Jesse Owens trug 1936 bei
seinen Kurzstreckenflügen einen der ersten Klompen des neuen Typs.
Gemeint ist der "superleichte Sprinterschuh", mit dem ihn Adolf
D. sehr zum Ärger von Adolf H. ausstattete. Eine andere technische
Innovation machte 1954 das Außenseiterteam zum Gewinner, es war
die Erfindung des "ersten Schraubstollenschuhs".
Spätestens jetzt wurden alle Latschen weggekippt, bei deren Entwicklung
vorher nicht "genau zugehört und beobachtet wurde, um dann konkret
auf die Bedürfnisse der Sportler einzugehen". Heute schließlich
stehen wir mit "acht Millimeter starken Polyurethanzwischensohlen
im Vorderfußbereich" im Zenit dieser Entwicklung. Und wir bezeugen
den drei elaboriertesten Schuhwerk-Sohlen den verdienten Respekt:
In der einen fränkischen Schusterei "herrscht derzeit eine ähnliche
Spannung wie in Cap Canaveral vor dem Start einer neuen Raumfähre".
Hier sind sie kurz vor dem Abheben, weil sie "in langjähriger, intensiver
Forschungsarbeit eine ganzheitliche Synthese von Fuß und Schuh"
verwirklicht haben.
Kein fauler Zauber: Durch einen mehrfach gemoppelten Drehknopf,
der "Disc-Scheibe", die den Schnürsenkel ersetzt, transformieren
sie den Schuh in den Fuß. Und umgekehrt. Logisch, daß sich "dem
Sportler eine neues, bisher nie gekanntes Tragegefühl eröffnet".
Dagegen will uns ein Schuhgeschäft hinter dem großen Teich mit "einem
speziell entwickelten Gas" besäuseln. Dieses ist "in der Mittelsohle
des Schuhs plaziert" - prinzipiell ein bewährtes System, das bekanntlich
auch schon in "einer Vielzahl anderer Industriebereiche eingesetzt
wurde: In Flugzeugreifen und Luftmatratzen" beispielsweise. Die
pneumatische Stoßdämpfung muß deswegen auch im Sport Sinn machen.
Etwa als Metaphysik für lange Kerls, denn Basketballspieler landen
"mit dem bis zu Zehnfachen ihres Körpergewichtes".
Nur die Soziologie ist da noch schwergewichtiger. Der ältere fränkische
Schuhmacher steht auf diese Disziplin, er läßt uns diesbezüglich
"die jüngsten Forschungsergebnisse" wissen. Diese besagen, "daß
sich immer mehr Menschen auf das Wesentliche besinnen. Sie werden
der technischen Gimmicks müde." Und wer die Luft rausläßt oder auf
Knöpfscheiben verzichtet, dem bleibt nur die Profilierung durch
"ehrliche Leistung und wahre Werte". Sehr zweckmäßig ist deshalb
der Laufschuh im "Cabriolet- Schnitt", zwar ohne Überrollbügel und
nicht in schreienden Farben, aber immerhin in "Schwarz, Weiß und
Grün". Dabei reicht ein Blick in die Klassiker, um das Optimum in
Sachen Schuhdesign schlicht nachzulesen.
Denn schon in der Antike war das Modell "Hermes-Gleiter" mit applizierten
Flügeln wohlbekannt. Und der Marathon-Mann, hätte er den Schwingenschuh
getragen, wäre sogar als Überlebender unsterblich geworden. Durch
seine Bestzeit, im Fluge erzielt.
Die Zitate sind Marketingkonzeptionen und Produkt-Infos der Firmen
Adidas, Puma, Converse und Nike entnommen.
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