| Im Westen
nichts Neues. Links hinten ist eine massive Artilleriegranate standsicher
an die Kette gelegt. Schräg darüber zeigt sich auf einem
Poster ein aufgetauchtes U- Boot in voller Fahrt. Daneben senkt ein
Helikopter im Kampfeinsatz rasant die Nase. Und modisch braun erhebt
ein Leo zwo seine Kanone aus dem Schlamm. Die Cafeteria des Laserdroms,
stadtweit geschmähter Kampfplatz junger Freizeitkrieger, ist
immer friedlich ruhig. In diesem Vorraum trennen die angespannten
jungen Recken noch zwei Türen bis zum gespielten Tod auf Raten.
Am Montag, kurz nach sechs Uhr abends, sitzen die Laserkrieger
lässig an den Tischen. Nur wenige spielen sich an den aufgestellten
Videospielen warm. Ein Trupp fleecebewamster junger Männer
hat die Laserschlacht schon hinter sich, Restschweiß verdampfend
werten die Jungs ihren Kampfeinsatz aus. Nach dem Geballer bleibt
ihnen nur wenig Spielraum für ihre Kriegslegenden, denn jeder
Teilnehmer erhält seine Trefferquote schwarz auf weiß
mitgeteilt. Als Computerausdruck. Aber wer in der Laserforce kämpfen
will, der muß kräftig löhnen: 15 Mark knöpft
der Laserdrom-Betreiber Ralf Langkau seinen Kriegsspiel- freiwilligen
ab - für eine schnöde Viertelstunde Schlachtengetümmel.
"Schließlich haben wir hier sehr viel Geld investiert,
rund 700.000 Mark, und ich bin Geschäftsmann", erklärt
der Goldkettchenträger frei heraus.
Frank, ein Fan der ersten Stunde, fühlt sich jedoch nicht
übervorteilt: "Ich bin fast jeden Tag hier", erzählt
der Auszubildende, "es gibt selten einen Tag, an dem ich nicht
den High Score habe." Eines Sonntagnachmittags hat Frank sogar
seinen Vater in die Arena mitgenommen, "der interessiert sich
für Technik, Computer und so. Danach war der Mann wirklich
begeistert". Dergleichen kann man von der Recklinghäuser
Ratsfrau Bärbel Korun nicht behaupten. Die Lokalpolitikerin
würde "sogar etwas Ungesetzliches tun, um diese Einrichtung
zu verhindern". Sie akzeptiert den einmaligen Freizeitspaß
"genausowenig wie Videotheken und Spielhallen". Weil auch
derartige Einrichtungen immerzu Horte des Bösen seien.
Auch auf Fernsehern oder Monitoren dargestellte "Formen von
Sex und Gewalt" findet die Vestland-Inquisitorin "nicht
hinnehmbar, denn in diesen Zeiten können Kinder und Jugendliche
bekanntlich kaum noch zwischen Schein und Wirklichkeit unterscheiden".
Wolfgang Pantförder nimmt für sich die Unterscheidungsfähigkeit
des Volljährigen in Anspruch: "Im Laserdrom wird der Vorgang
des Tötens verharmlost", empört sich der örtliche
CDU- Fraktionsvorsitzende, "schrecklich, das Töten findet
dort sogar im Familienverband statt." Völlig betroffen
mißbilligt auch der Recklinghäuser Stadtrat einstimmig
die Existenz des Laserdroms sowie "alle Spiele, in denen Tötungshandlungen
simuliert werden". Mit der beschlußförmigen Ächtung
von Spielen wie "Cowboy und Indianer" oder "Räuber
und Gendarm" stehen die Provinzpolitiker nicht allein. Der
Law- and-order-Mann Manfred Kanther, Bundesinnenminister, verkündete
schon zu Jahresanfang, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um
die umstrittenen Ballerbuden zu verbieten.
Auch Norbert Burger, Präsident des deutschen Städtetages,
rüstet gegen die Combat-Lasershow: "Spielerisch zu töten,
kann auf Dauer nicht ohne einfluß auf die Menschen bleiben",
davon ist der Kölner Oberbürgermeister überzeugt.
Dabei sind dergleichen Mutmaßungen, sofern sie auf vermeintliche
Nachahmungseffekte abzielen, ein prinzipieller Irrtum in der abendländischen
Kulturgeschichte. Einfacher Gegenbeweis: Spielzeugpistolenschützen
werden grundsätzlich nicht zu Massenmördern, weil sie
Spielzeugpistolenschützen waren. Trotzdem behaupten die Betroffenheitsfuzzis
gerne das Gegenteil. Und sehen in neuen Spielformen, etwa Computerspielen
oder Laserdroms, schon wieder den Anfang vom Ende der Menschheit.
Dabei stellt sich auch im Spielzeug nur der weltanschauliche und
technologische Entwicklungsstand einer Epoche dar. Zumindest dem
Laserdromfan Lars ist das klar. "Wir gehen da ziemlich taktisch
ran und spielen im Team", erklärt er außerdem das
Erfolgsrezept des Kampfspiels, "mit gegenseitiger Manndeckung
und dunkler Kleidung."
Zuvor öffnet sich den Kämpfern die Tür zur Waffenkammer.
Jan Claude van Damme grinst martialisch von seinem Filmplakat. Gleich
geht es hier auf weicher Welle um harte Ziele. Doch erst zwängt
sich die Kleinarmee ins Blinkerkleid. Damit sie in der Arena gesehen
und getroffen werden können, tragen die Schützen auf Brust
und Rücken ein Plastikschild mit Leuchtdioden. Sekunden noch,
dann werden die Grünen auf die Roten feuern. Und umgekehrt
natürlich. Die Tür zur Arena öffnet sich, doch zunächst
sieht man nicht viel. Trockennebel nimmt die Sicht, ein Stroboskop
wirft etwas Helles. Blendendes Licht. Rote Lichtblitze zucken aus
der Deckung. Piff, paff, puff! Plötzlich fistelt die Pistole:
"You are hurt." Anschließend setzt der Ballermann
für ganze drei Sekunden aus. Eine kurze Kampfpause für
den Getroffenen. Zeit genug, sich hinter den von der Nebelmaschine
glitschig geräucherten Unterständen in Stellung zu bringen.
Aus der Nähe zu treffen, das ist einfacher. Denn der Sensor
im Leuchtdiodenfeld ist nur daumennagelgroß. Und die Gegner
sind permanent auf Achse. Sie sind tatsächlich überall,
deswegen sollte ununterbrochen gesichert werde. "You're hurt."
Das survival of the fittest wird, steigt man volle Kraft drauf ein,
bald zum Konzentrationsproblem. Da sind die Heckenschützen,
deren Versteck man zwar erahnen kann, aber in vollem Lauf ist keine
Deckung. "Game over", fisteln die Ballermänner nach
dem letzten Gefecht. Verschwitzt und ermattet trotten die Kombattanten
hinaus. Im Vorraum stürzt sich Lars auf sein Handtuch. Auch
Frank schnauft ein wenig. "Ich mach' nich' mehr als drei Spiele
pro Abend", bekennt er, "damit sich der Streß in
Grenzen hält." Mit seinem Kumpel Jörn hat Frank eine
Unterschriftenaktion für den Erhalt des Laserdroms gestartet.
"In knapp drei Wochen haben wir über 700 Unterschriften
zusammengekriegt", erzählt Jörn. "Da sind sogar
welche aus Herne, Dortmund, Gelsenkirchen und Duisburg dabei."
Nicht nur wegen dieser Solidaritätsbekundung dürfte es
der Stadt schwerfallen, das Laserdrom rechtsverbindlich zu schließen.
Es ist nämlich alles in Ordnung. "Die Baugenehmigung
ist völlig o.k.", brüstet sich der Betreiber Langkau,
"selbst wenn die Stadt mein Ding provisorisch zumacht, müßten
die mir Schadenersatz zahlen." Da ist was dran: Bis jetzt haben
zuständige Gerichte noch nicht endgültig geklärt,
wie das seit Jahren in den Niederlanden und Großbritannnien
etablierte Laserspiel anzusehen ist. Handelt es sich um ein Bewegungs-
und Fangspiel, wie der bayrische Verwaltungsgerichtshof meint? Oder
widerspricht die Schießerei der Menschenwürde, weil sie
"Vergnügen durch simulierte Tötungshandlungen bereiten
will", wie das Oberverwaltungsgericht Rheinland- Pfalz urteilt?
Die Laserfans haben dazu eine klare Haltung. "Es macht uns
einfach Spaß", sagt Jörn, "und vor allem lernt
man dabei Leute kennen." Zumal für Jugendliche in Recklinghausen
sonst nicht viel geboten wird. "Die Jugendzentren hier laufen
mehr schlecht als recht", sagt die Grüne Sabine Feyerabend.
Und Lars spricht davon, daß in Recklinghausen um Mitternacht
gerade mal eine Kneipe auf hat. In solchen Städten rechnen
sich Spielhallen und Videotheken. Oder eben ein Laserdrom.
|
|