| Schrecklich,
all das. Tobende Massen. Schnelle dumpfe Schläge, als ob ein
mit feinem Sand gefüllter Strumpf den Kopf trifft. Etwas Kleines
wird geschlagen, das wehrlose Objekt faucht verzweifelt. Man haut
es immer wieder hin und her, und es muß Federn lassen. Ist das
winzige Etwas zuschanden geprügelt, so wird es ausrangiert -
das übliche Schicksal eines Federballes, der geduldig und brav
seinem kurzen Tagwerk nachgeht. Bumm, bumm, Müllsack. Die Aktiven
der einzigen Sportart, die während des Vollzugsaktes ihr wichtigstes
Sportgerät zerstören, verdrängen diesen Umstand.
Bizarrerweise gibt es dazu in der Tierwelt eine Parallele: Auch
die Gottesanbeterin wird kaum mit der ganzen Wahrheit leben können.
Folglich greifen die Sportsleute zu einem semantischen Trick: "Nenne
es nicht Federball", sagen sie. "Federball ist ein Spiel
für rheumatische Omis, wir aber spielen Badminton." Auch
ihre Sportart hat demnächst olympische Premiere. Sie tragen
ihre größten Matches nicht in - pah! - Wimbledon, sondern
in der Royal Albert Hall aus. Sie sind es, nicht die Beckers und
Grafs, deren Gänsefederbälle Geschwindigkeiten von 300
Stundenkilometern lässig erreichen können. Ihr Sport ist
viel anstrengender als Tennis und mindestens genauso attraktiv,
nur rechnet er sich für sie noch lange nicht. Deswegen mußte
die elffache deutsche Meisterin Kirsten Schmieder auch Ärztin
werden.
Sie wurde während der Deutschen Meisterschaften in den Ruhestand
verabschiedet. Aber die Disziplin befindet sich im Aufbruch, einschlägige
Rituale der Feierlichkeit sollen das randständige Sportereignis
zum Erlebnisraum machen. Ab jetzt gilt auch hier die VIP-Lounge
als unverzichtbar zur Abgrenzung vor dem gemeinen Volk. Nur, die
Lounge ist Privileg als Selbstzweck. Spezereien und Labsal werden
nicht gereicht. Und elitäres Setting vermag sich beim Anblick
des örtlichen Bürgermeisters nicht so recht einstellen,
er hat was von Max Schmeling. Funktionäre wieseln in uniforme
blaue Blazer gewandet durch das Foyer der Mehrzweckhalle zu ihren
Ehrenplätzen am Spielfeldrand. Ihre Sitzreihen sind mit Attachékoffern
drapiert.
Der Kräuterspirituosen- Marsch ertönt zu Ehren der männlichen
Finalisten: Komm doch mit auf das Badminton, komm doch. Es treten
an: der Favorit gegen den Überraschungsfinalisten. Der Favorit
ist Berufssoldat, Michael Keck heißt er. Im vorigen Jahr hat
er den Mixedtitel gewonnen. Genauer: ganz allein gewonnen. Denn
in der noch heilen Welt des Badminton "kommt beim gemischten
Doppel dem ohne Zweifel körperlich überlegenen Herren
die schwierige Aufgabe zu, die Schwächen seiner Mitspielerin
durch eigenen Einsatz zu decken", wie das Programmheft zu sülzen
beliebt. Im Einzelfinale ist Michael Keck noch alleiner als im Vorjahrsmixed.
Und prompt gibt's eine Packung. Sein Gegner Henning Sudfeld kommt
langsam, aber gewaltig. Sudfeld liegt im ersten Satz zunächst
mit fünf Punkten zurück, bei "sieben beide"
ringen beide viermal ums Aufschlagrecht, danach geht's Schlag auf
Schlag ab zum 15:8-Satzgewinn für Sudfeld. In der Satzpause
führt der Soldat sich Isotonisches zu, während der Überraschungsfinalist
sich seine Nickelbrille putzt. Im zweiten Satz haben den Soldaten
die Selbstzweifel gepackt: "Bin ich eigentlich doof, oder was",
hört man ihn die Contenance verlieren.
Auch diverse Hechtsprünge verhelfen ihm nicht zum Satzgewinn,
mit 12:15 verliert er den zweiten Satz. Und damit das Spiel. Frauen-Finale:
Katrin Schmidt - Nicole Baldewein 3:11, 11:4, 11:4.
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