| Ein Football-Profi
muß verdammt hart im Nehmen sein. Also erträgt Manfred
Burgsmüller das tackling der weltberühmten Angreiferin namens
Dolly Buster mit nur leicht gequältem Blick. Umstellt von Fotografen
herzt die Condomiere den 48jährigen im Düsseldorfer Rheinstadion
für einen guten Zweck. Weil der Ex-Borusse und die Pornodiva
in dieser Saison bei Düsseldorf Rheinfire unterschrieben
haben, müssen sie jetzt für ihren Club die Reklametrommel
rühren. Denn von den jeweils 30.000 Eintrittskarten für
die letzten vier Heimspiele der Saison sollen so viele wie möglich
schon im Vorverkauf verscheuert werden.
Für den Proficlub gilt es, ein hohes Niveau zu halten. Zum
Saisonauftakt Anfang April hatte Rheinfire seine Hütte
beinahe voll, 16 zu 13 gewann der Club gegen die Amsterdam
Admirals . 1997 kamen im Mittel 20.000 Fans. Andere Clubs
der kleinen Europaliga, die nur ein halbes Dutzend Teams umfaßt,
bringen es nicht einmal auf zehntausend Zuschauer. Die Barcelona
Dragons etwa sind völlig in Verschiß. Und bei den
England Monarchs, am Start für den Großraum
London, reden sie offiziell von 7.000 Zahlenden. Dreieinhalb Stunden
vor dem Düsseldorfer Spiel am Samstag sagen die jungen Fans
in der U-Bahn 78 auf dem Weg zum Stadion nachdrücklich oft
"Sure" und "Damned". Eine halbe Stunde später
beginnt die Party im Areal am Europaplatz. An Heimspiel-Tagen setzt
die Rheinfire-Betriebsgesellschaft, wie in den Staaten
üblich, auf den vollen Spaß:
Zum Kräftemessen der Fans in den Muskel-T-Shirts haben sie
einen elektrischen Bullen aufgebaut. Eine andere Maschine spuckt
Eibälle und bringt deren Fänger ins Schwitzen. Vorn am
Zaun jagen Nachwuchs-Schumis ihre Gocarts über die Runden.
Sportlabels preisen die angesagten Klamotten an. Überall Bierstände
und Freßbuden. Nachos, Hot dogs, Chicken wings. Etwa wie auf
der Oberkasseler Kirmes. Nur mit dem Unterschied, daß sich
auf dem Nebenplatz des Sportgeländes rudelweise aktive Fans
mit ihren footballs zu schaffen machen. Und daß sich die Volksfest-Stimmung,
die hier mit Bedacht stetig gesteigert wird, weder in dumpfes Gröhlen
noch in Händeleien auswächst. "Noch zwei Stunden",
schreit der Einheizer auf der Fanbühne mit leichtem amerikanischen
Akzent, "jetzt geht die Party richtig los".
Matthias aus Düsseldorf ist richtig stolz auf diesen Stimmungsmacher:
"Der hat früher die Konzerte der Toten Hosen
angesagt." Aber während des Saisonauftaktes der National
Football League Europe annonciert die Stimme auf der Bühne
Wichtigeres als Herrn Freges dumme Jungs. Unter Rheinfires bordeaux-roten
Fittichen ist kein Ort zum Lallen für die Fortuna-Jusos. Aber
die pyromaniacs, Cheerleading-Crew des Hauses, haben
das Recht, davon beschwingt zu werden. Geschminkt und swingend wedeln
sie jetzt auf der Bühne mit ihren Puscheln. 30 Mädels
umfaßt die Rotte der Tanzmäuse. Kleingewachsen, langhaarig
und dem gläubigen Publikum genauso keusch entrückt wie
die Jungfrau Maria haben die Cheerleader zu sein. Ihre Trainerin
Barbara-Jo Valentine weiß, was die süßen Claqueusen
reizt: "Die erarbeitete Choreografie vor Tausenden von Fans
zu präsentieren", meint die Frau eines Eishockey-Trainers.
Eskortiert von Security guards werden die leichtbekleideten Cheerleaders
nach ihrer ersten Show durch den Nieselregen ins Warme geleitet.
Minus 60 Minuten, der final countdown läuft. Von Block 10
hinterm Stadion bis zum Zaun vor dem Gelände steht alles dicht
an dicht. Sie tanzen Discofox zu Wolfgang Petry und zu "We
are the champions", alle naslang kreischt eine Sirene. Ein
sechs Meter hoher Zwilling der Statue of Liberty schaut
sich das alles ungerührt an. Die kleine Freiheit hat auch die
Jungs des "NFL Europe Fanclub NRW" aus Oberhausen im Blick.
Natürlich: Die etwa zwei Dutzend Fans haben sich während
der Heimspiele kennengelernt, und seitdem begehen sie die Party
gemeinsam. In Düsseldorf sowieso. Aber auch auswärts,
soweit es drin ist. Senior Heinz Backhaus geht außerdem noch
bei Rot-Weiß Oberhausen ins Stadion. Darum schätzt der
EDV-Spezialist den Unterschied besonders: "Bei Rheinfire gibt
es nie böses Blut, vor allem aber viel mehr Spaß".
Dieweil dräut über dem Stadionrasen die gespannte Ruhe.
Auf der Anzeigetafel ist zu sehen, wie ein älterer Herr in
unauffällig grünem Trenchcoat ein paar Mikrophonhaltern
Interviews gibt.
Der Mann ist niemand Geringeres als Gott der Allmächtige in
der Welt der Eierbälle. Paul Tagliabue heißt der Senior,
als commissioner der US-amerikanischen National Football League
jettete er dienstlich übern großen Teich. Oberhausens
Fanclub-Chef Michael Hetkamp teilt die ehrfüchtige Haltung
der meisten Football-Fans: "In den Staaten ist der Commissioner
der wichtigste Mann nach Präsident Clinton." Auch Rheinfires
PR-Department will Geltung, Macht und Einfluß des Football-Supermannes
von jenseits des Atlantik richtig preisen. Denn der Manager vertritt
diejenigen, die American Football hierzulande am Leben halten. Stolz
wird verlautbart, daß infolge eines Mega-Mediendeals, den
Tagliabue kürzlich anschob, die Profi-Football-Liga in Europa
endlich eine gute Zukunft habe. Der Deal mit einem Ami-Fernsehsender
sichert die Existenz der Sportart über deren Fernsehübertragung
verbunden mit Unterbrecherwerbung für eine lange Zeit. Noch
ist die Europaliga unterm Strich ein Zuschußgeschäft
für die Geldgeber aus den Staaten, seit acht Jahren wird auf
diesem Kontinent in die Markteinführung investiert.
"Aber Rheinfire ist wirtschaftlich erfolgreich", sagt
deren PR- Assistent Kurt Tillmann, "wir gehen davon aus, daß
wir in diesem Jahr erstmals kostendeckend arbeiten". Um 17.55
Uhr wird im Stadion richtig losgebratzt mit dem American way of
emotional style. In blau-grau uniformierte Soldateska marschiert
auf den Rasen. Die Jungs spannen ein riesiges Sternenbanner über
den nassen Rasen, so groß, daß sich im Hintergrund der
weiße Riese auf seinen nächsten Job freut. Dann knien
sie da unten alle nieder, das Publikum erhebt sich, und eine Sängerin
intoniert die amerikanische Nationalhymne. Zwei Sheriffdarsteller,
ganz in schwarz, mit Schlagstock links und Taschenlampe rechts gehaltert,
geleiten Paul Tagliabue, den Herrn der Eierbälle, nach dieser
Andacht zu seiner VIP-Lounge. Am Block 7, vor der Tribünenbande,
hängt die mindestens 6 Quadratmeter große Fahne der Rheinfire
Fans Ruhrgebiet. Links daneben in der Kabine heizt Stadionsprecher
Jan Stecker mit seinem DJ Woody den Massen ein.
Dem Düsseldorfer Stadionsprecher merkt man nicht an, daß
er Kölner ist. Parteiisch kommentiert er die Spielzüge,
durch zu den Tribünen gewandte Boxen am Spielfeld-Rand kriegt
es jeder mit. Jingles stabilisieren die aufpepppte Stimmung. Nach
dem ersten touchdown der Amsterdam Admirals spielt DJ
Woody "Ist mir egal, ist mir scheißegal". Um 23.00
Uhr tummeln sich noch etwa 400 Fans vor der Bühne vor dem Stadion.
Clou, die Combo mit dem langen Atem, wird für sie
noch eine Stunde spielen. Vor der versammelten Hauptstadt-Presse
hat sich soeben Amsterdams Trainer Al Luginbill "extrem enttäuscht"
über seine Verlierer gezeigt. Die Jungs aus Oberhausen sind
schon längst wieder in Sichtweite des Gasometers. Am nächsten
Samstag wechseln sie für ihr Team das Land. Sie fahren nach
Bristol. Zum Spiel gegen die England Monarchs
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