| Wer glauben
mag, dass Namen Zeichen sind, der weiß schon bei der Anfahrt:
Hier werde ich bald richtig liegen! Denn immerhin wurde gerade die
Einfahrt zu einem Gässchen namens 'Hirschwinkel' flugs passiert.
Und für den Zielort, wo sie nachher eine ganze Nacht lang den
Brunftschrei durch den Druck aufs Gaspedal ersetzen dürften,
da muss doch zwingend eine Plakatwand mit dem Slogan 'Liebe Deine
Füße!' ein gutes Omen sein.
Aber um kurz vor zehn Uhr abends stockt der Verkehr schon bei der
Anfahrt zum Parkplatz des Gelsenkirchener Ruhrzoos, hier ist jetzt
erstmals Stoßverkehr. Zur blauen Stunde, wird das Areal, besetzt
von etwa hundert Autos, richtig voll. Ein Corsa ist massiv bemüht,
die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Mit ungelogen siebzig Stuckies
brettert die Kiste übern Platz und quetscht sich durch die
Kurven. Nach drei, vier Platzrnden schleudert sich der käppibemützte
Fahrer in eine Parkbucht, blinzelt mit dem Standlicht und setzt
sich breitbeinig auf den Kühler. Folgt in diesem großen
Kreise wahrhaftig auf wildes Stochen genauso ungezähmtes Stochern?
Auch diesem Jungmann dräut verheißungsvoll ein Vorzeichen
von gegenüber: Auf einem blauen LKW prangt die Inschrift 'Decksysteme
für die Zukunft'. Gleich neben dem Sattelschlepper wandelt
der Strohwitwer aus Gevelsberg vielsagend äugend schon ein
Viertelstündchen auf und ab. Auch dieser ersichtlich in die
Jahre gekommene Mann weiß genau, was er hier will; "hier
soll's doch richtg abgehen, so auf der Rückbank, das hör'
ich von überall her". Selbst zwischen Schwelm und Hagen
also raunen sich die Männer beim Kegelabend hoffnungsfroh den
Alltagsmythos vom Gelsenkirchener Sexparkplatz zu. Wenngleich es
vor Ort für den Gevelsberger problematisch wird: "Wo sind
denn hier eigentlich die Frauen?", fragt er seine Parknachbarn.
"Ich wohne eher so ländlich-sittlich, dafür hab'
ich jetzt noch keinen Blick." Hilfsweise pflegt man dann ein
weiteres Thema, dass des Mannes ist. "Früher hatte ich
nen 280er mit Doppelvergaser", erzählt der Gevelsberger
und tätschelt das Dach seiner japanischen Familienkutsche,
"aber der hat nur geschluckt und geschluckt". Zum Thema
Auto-Auto- über-alles können auch zwei Bauernburschen
aus Steinfurt glänzen. Die beiden haben ihren VW-Bulli mit
einem Matrazenlager zum Schlafwagen umgerüstet, regelmäßig
schicken sie ihre Kontaktansinnen per CB-Funk über den Äther.
Doch bei ihrer Mobilsstation meldet sich nur ein Teenager aus Schalke-Nord,
der ab Mitternacht das Haus nicht mehr verlassen darf. Also staunen
die westfalian rednecks über den Porschefahrer aus dem Hippeland.
"Warum steht diese Syltfresse jetzt schon mehr als zwei Stunden
neben seinem 911er?", fragen sich die Jungs, die beabsichtigen,
hier zu übernachten, "eagl, ob hier was passiert.
Was hier zunächst stundenlang passiert, ist Sich-im-Kreis-
rumdrehen. Ein paar hundert Meter ist der legendäre Parkplatz
lang, das Areal ist hinten dunkler, vorne heller, es stehen Platanen
in der Mitte, zweispurig kann umfahren werden. Wer steht, der wird
gesehen, und der kann Autos spannen. Ein Irrer hat sein schneeweißes
Cabrio mit einer Unterboden-Beleuchtung versehen, blau schimmert
diffuses Licht zwischen Piste und Autoboden. Andere Verrückte
haben farbige Zusatzleuchten vorn in ihre Scheinwerfer geklinkt,
in rot, blau, grün und gelb. Gern setzt man Baßbooster
zur Untersützung des Soundsystemes ein. Wessen Schlitten nicht
bis an die Kante tiefergelegt ist, der fällt hier sofort negativ
auf. Wer keine Alufelgen aufzog, hat ohnehin verschissen. Und wer
gern dumm und wild rumbrettert, kriegt was er verdient, er hat den
Schaden.
Wie die Unfallbeteiligten in der ersten Samstagstunde: Literweise
sickert dunkle Flüssigkeit aus dem Motorraum eines zu Schrott
gewordenen Transits auf den Asphalt. Der Großraum-Wagen wurde
von einem PKW von hart links angerammt, der Fahrer ist schon auf
dem Weg ins Krankenhaus. Verdacht auf Wirbelsäulenverletzung.
Neben dem Bremspedal des neunsitzigen Transporters liegt jetzt nur
noch eine einzelne Sandale, für zwei Fahrzeugführer endete
heute der Traum vom lockeren Stochen mit dem totalen Autobumms.
Endstation Totalschaden. Aber das Brettern, Schleudern und Kurven
geht weiter, schließlich ist die Nacht noch jung. "Habt
Ihr immer noch nicht die Schnauze voll?", schreit einer, der
mit seiner Clique schwätzt.
Plötzlich schleicht ein dunkler Twingo an der Gruppe der Autos
durchhechelnden Fachsimpel vorbei, und was darin am Steuer sitzt,
ist blond und solo. Die Twingofrau fährt jetzt eine behäbige
Platzrunde. Insgesamt eine ziemlich unauffällige Szene, die
jedoch sofort zu hektischen Aktivitäten führt: Fingerzeige
werden geworfen, viele Jungs stürzen sich ans Steuer und nehmen
die Verfolgung auf, Stoßstange an Stoßstange schleicht
die Prozession den Parkplatz hoch und auf der Gegengeraden zurück.
Sodann parkt der blonde Engel gut beleuchtet unter einer dieser
Natriumdampf-Lampen, kurbelt das Fenster runter und steckt sich
erst mal lässig eine an. Der mutigste Verfolger parkt links
neben dem lockenden Fahrzeug ein, mit den Händen an den Taschen
nähert sich der Fahrer dem Vorderfenster, aber er wird nur
geneckt. Denn der Twingo macht sich vom Acker, Mama Twingo hat heute
ihren Spaß gehabt.
Das Wesen mit den Schlafzimmerauto-Augen gilt den Veteranen auf
dem Parkplatz als gut bekannt. Blondie aus der Gelsenkirchener Manta-Clique
etwa weiß genau: "Die Mama Twingo is' ne Transe, die
hat noch nie einen rangelassen, wenn überhaupt, dann blästse
nur." Blondie dürfte das beurteilen können. Denn
seit Jahren begibt sie sich mit ihren Kumpels täglich zu diesem
Parkplatz und klönt bei Kaffee die Nächte durch. Dann
bauen die Jungs ihre Liegestühle mit den braunen Kunstleder-Kissen
neben ihren Autos auf und machen es sich so richtig gemütlich.
Manchmal wird sogar ein durchwachsenes Rippchen auf den Grill geworfen.
Und dann erinnern sich die durchaus nicht nur Autos verehrenden
Twens an die guten alten Zeiten, als das Nachtleben der Mantafahrer
hier am Zoo noch heißere Reize als den Grillabend kannte.
Damals kam regelmäßig die "feuchte Omma" (Blondie)
vorbei. "Der Typ von der hat die angestrahlt, ausgezogen, vorne
aufs Auto gelegt, und jeder, der Bock hatte, durfte an der rumpacken
und sich dabei einen abwichsen", schildert ein Mantamann die
glorreiche Vergangenheit, "und dann hat der Typ mit einem Kleenex
alles von der Frau aufgewischt". Der Vortrag bewegt einen Pickup-Fahrer
zu einem Seufzer. "Das einzige, was jetzt noch geil aussieht,
sind Autos wie meins", sagt der Mann und läßt dem
Blick darüber schweifen. 43 0000 Mark hat er sich seinen mit
züngelnden Flammen handlackierten, blau-schwarzen Pickup kosten
lassen. Ein überaus praktisches Fahrzeug: Zwei Sitzplätze
für Zwerge, mehr als eine Tonne zulässige Zuladung passen
auf die leere, abgedeckte Ladefläche. Trotz des stolzen Autos
ist der kurzgewachsene junge Mann neidisch auf frühere Bekannte,
"und zwar die alten Holländer, die damals regelmäßig
kamen, die kannten 15 dunkle Parkplätze in der Nähe, wo
alles mögliche abgehen soll, soviele kenn' ich selbst als gebürtiger
Gelsenkirchener nich'".
Aber das Loch kennt der Pickup-Pico ganz gut. Der so benannte unbeleuchtete
Parkplatz ist fünf Autominuten vom Raserareal entfernt. Ihm
nähert man sich "am besten mit Ständerlicht",
so sagen die Erfahrenen am Zoo. Oft findet sich am frühen Morgen
die Altenpflegerin ein und parkt mit dem und wem. Die junge Frau
fährt einen kleinen Italiener und lebt nachts im Loch, in Swingerclubs
und sonstwo, ihr frivoles Doppelleben. Zu Stunde hat sie einen autolosen
Typ dabei, verlegen schweigt er auf dem Beifahrersitz. "Der
Kleine hat mir auf eine Kontaktanzeige geantwort", erläutert
die Altenpflegerin kokett, "nun führe ich meinen Zögling
in die Kunst der Liebe ein, gleich fahren wir in einen Club, denn
der Kleine ist mir viel zu schade, um im Lock verheizt zu werden.
Im Morgengrauen ist heute nicht viel los im Loch, die paar Wagen,
die des Nachts der Dinge harrten, haben sich schon längst verdünnisiert.
Nur die Altenpflegerin hält mit dem gerade angekommenen Rollifahrer
einen unverbindlichen Schnack, die beiden kennen einander schon
seit Jahren. Die Leidenschaft des Rollifahres besteht darin, Sexparkplätze
rund um den Ruhrzoo aufzusuchen. Immer wenn es dunkel ist, macht
sich der Mann von Herten aus mit seinem Elektro- Rollstuhl auf den
Weg. "Mit einer Akkuladung kann ich 100 Kilometer düsen",
spricht der Mann, der früher Biker war, "aber ein Unfall
hat mich querschnittsgelähmt und dazu noch ein Bein gekostet."
Nunmehr ersetzt dem Rollifahrer sein vierrädriges Elektromobil
das Bike, hingebungsvoll hat er es für seine Nachtausritte
ausstatten lassen.
Der Sitz ist zum Liegesitz verstellbar, Handy und Videokamera sind
am Cockpit installiert, statt eines Fuchsschwanzes baumeln an der
Antenne ein BH, Geschenk der Altenpflegerin, sowie ein Damenslip.
Gern umschleicht der Rollifahrer Autos, während sich Paare
gerade darin tummeln. "Weil der E-Motor fast geräuschlos
ist, hören die mich kaum", versichert er, "außerdem
kennen mich viele hier, manchmal reicht mir auch jemand 'ne Hand
raus." Mittlerweile hat sich ein Benzpilot dazu gesellt, natürlich
kennt die Altenpflegerin den Mann schon lange. "Na, wie geht's,
Doktor Muschi-Gucki?" wird er flott von ihr begrüßt.
"Drüben am Zoo sind ja nur Chaoten und Raser, da kann
ich nich' drauf", flucht Doktor Muschi-Gucki und guckt auf
seine Rolex, "da fahr' ich doch besser gleich zum Silbersee
parken." Ob er um halb sechs morgens dort noch irgendwas zu
packen kriegt?
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