| Die volle
Dröhnung Frauenglück lauert in einem Fachwerkhaus. Auf sanftes
Klopfen an der Eingangstür öffnet sich unverzüglich
eine Luke. Auch die allerletzte Innovation des ältesten Gewerbes
der Welt kennt die Gesichtskontrollle für die Befriedungswilligen.
Im Allerheiligsten gelandet, rückt sich sodann der Harry (41)
ins Blickfeld. Er ist der Chef aller Liebesdiener. Gut sieht der
Mann aus, so recht zum Gernhaben: Des Clubbesitzers Antlitz umrahmen
Augengläser von tropfenförmigem Zuschnitt, wobei jedes,
mehr als dezent, in schlichtes Rosarot getönt ist. Die Geschmackssicherheit
seines Outfits wird durch eine ziemlich braune Sakko-Hosen-Kombination
noch eindrucksvoll unterstrichen. Komplettiert wird die Charaktercharge
durch ein Odeur, das zwischen Rosenblüten, Moschus und Männerschweiß-Extrakt
changiert.
Was hat der professionelle Frauenfreund zu seinem Etablissement
zu sagen? "Für die Männer gibt's ja an jeder Ecke
was", erläutert der Erneuerer des Sexualgewerbes zunächst
Bekanntes. "Irgendwie bleiben die Frauen dabei auf der Strecke",
beschreibt er ein in seinen Augen evidentes Dienstleistungsdefizit.
"Das war eigentlich der Grundgedanke, die Sache mal anzupacken,
mal 'n bißchen Geld zu investieren", bekennt sich der
Szenekundige zu seinem unternehmerischen Kalkül. Jetzt wird,
dank Harrys Erkenntnisvermögen, jeweils am ersten und am letzten
Sonntag im Monat, und zwar unmittelbar nach der Lindenstraße,
die Welt mit dem ersten nordrhein- westfälischen "Club
nur für die Dame" beglückt.
Weil sich das hiesige Clubleben nicht aus der Konterbande der Spesenritter
speist, sondern eher von Abgespartem aus der Haushaltskasse, verzichtet
das Etablissement generös auf das Entgegennehmen von Kreditkarten.
"Aber Euroschecks werden akzeptiert, die sind nämlich
so gut wie Bares", schwört Marko (25), der sich bei einem
Pils die Wartezeit zum nächsten Aktvollzug verkürzt. In
seiner Latzhose mit kniehoch abgerupften Beinen und bloßer
Heringsbrust verkörpert er durchaus überzeugend den Typus
des knabenhaften Lovers. "Durch das Fernsehen, und was die
in Amerika am Tag verdienen", sei er, ein gelernter Automechaniker,
auf den Kopulationsjob gekommen.
Pferdeschwanzträger Micky (25) hält gar eine Weltanschauung
bezüglich seiner lukrativen Nebentätigkeit bereit: "In
der Diskothek quassel' ich mir bei den Frauen die Lippen fusselig,
da lass' ich Kohle ohne Ende, hier kommen die Frauen auf mich zu,
und ich krieg auch noch Geld dabei." Ab 200 Mark kann frau
im hiesigen Frauenpuff auf ihre Kosten kommen. "Aber das is
dann nur Standard", warnt Micky knickrige Lustsuchende, "bißchen
streicheln, Nippel knutschen, GV gemacht und fertig." Schließlich
hat das Gewerbehaus mit einer Sauna, einem Whirlpool und einer Badewanne
die ganze Palette dionysischer Genüsse auf Lager.
"Knetemäßig sind nach oben überhaupt keine
Grenzen gesetzt", giert Kai (21), der einen erregenden Schmerbauch
mit sich führt, "du mußt nur auf die Frau eingehen,
dann zahlt die auch 'n Riesen." Mit aller Raffinesse haben
die Männer der gewissen Stunden kürzlich für ihre
Profession geworben. In Diskotheken verteilten die Gunstgewerbler
Handzettel ("so 'ne Art Visitenkarten, so an die Tische vorbei,
wo die Mädels standen"). Die untypische Werbeidee zeitigte
ungeahnte Folgen: "Das Geschrei war groß", schwärmt
Micky mit einem komfortablen Southern in der Hand, "kein Wunder,
da ist 'ne Horde Weiber, und du schmeißt dazwischen, ,hier
kannste gefickt werden`." Trotz allem kann selbst bei den Holzwickeder
Loverboys der Aktvollzug gelegentlich zu einem Standardproblem werden,
am Premieresonntag hatten wohl manche Jungs noch den Amateurstatus.
"Unsere erste Alte war im Endeffekt mit acht Typen auf dem
Zimmer, hat aber am Ende gekriegt, was sie wollte, für denselben
Preis." Zum Ausgleich leistet sich der Puff am Rande des Ruhrgebiets
als Kollisionsfigur den professionellen Pornodarsteller Kurt (22).
Der Alpenländler mit dem Wiener Schmäh macht es recht
selbstbewußt und ziemlich dicke: "Ich bin der absolute
Spezialist auf dem Gebiet des Verwöhnens", wirft er sich
in die kaum behaarte Brust. "Meine Spezialität ist zärtlicher
Sex, zweimal am Tag ist mein Limit, davon kann ich angenehm leben."
Gern ist der Hardcore-Filmstar bereit, seine spezielle Kunst auch
vor einer aktiven Kamera zu demonstrieren. In einem der neun Zimmer
des Jungmännerhauses bestünde mit einer professionellen
Partnerin dazu die Gelegenheit. Für das leidlich seriöse
Berliner Haus, nein danke! Dagegen steigt der alte Schmuddelsender
begeistert auf kostenlosen Live stunt ein. Am Tresen unten löst
derweil eine Minute die andere ab. Der Männer-Sexbetrieb beruht
weniger auf der Klopffestigkeit seiner Akteure als auf deren Fähigkeit,
während der Schicht stundenlang die Zeit totzuschlagen. Weil
hier nicht etwa junge, sondern eher etwas ältere Frauen kommen,
quillt guter alter deutscher Schlager abtörnend aus den Boxen.
Ob die Erregung der angeblich "aus die ganzen gesellschaftlichen
Schichten" kommenden Kundinnen tatsächlich rasend wächst,
wenn Mathias Reim im Barraum tausendundeinmal "Mensch, ich
lieb dich" quengelt? Sich an Getränken verschiedener Härtegrade
vergehend, bestärken sich die knapp zehn Potenzprotze ihres
Glaubens, irgendwie schon die Größten zu sein. Und irgendwie
schon den Allergrößten zu haben. "Wir sind alle
nicht von schlechten Eltern", behauptet stolz Andy (20). Der
braungebrannte Bodybuilder sitzt breitbeinig am Tresen. Er verhüllt
sich und seinen Schwanz mit einem fashionablen Körpersocken.
Ein Pittbull-Baby mopst müde zu seinen Füßen herum.
Zwei Jahre einschlägige Berufspraxis hat Andy bereits. Dennoch
hat unser sportiver Lover mitunter zwei Probleme in seinem Job:
Grundsätzlich "fängt die Arbeit an, wenn die Frau
nicht so megamäßig aussieht", meint er. Auch wird
es einfach "anstrengend, wenn es die vierte, fünfte Frau
hintereinander ist". Denn weil Harrys Club "nicht irgend
so ein Bumms ist", wie der Chef des Hauses gern betont, müssen
seine Jungs auf den Zimmern knüppelhart rackern.
"Wir geben nämlich Orgasmusgarantie", wirbt Kai
und streichelt sich über seinen Bauch, "ich mach' dafür
extra 'ne Bierdiät". Auch Harry trinkt noch eins und entwickelt
seinen Stechern jetzt seinen ganz intimen Traum. "Wenn ihr
richtig eingeschlagen habt, Jungens, dann kommen auch Kaffeefahrten
und Kegelclubs nach hier, dann is hier Fettlebe angesagt."
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