| Banana-Joe
ist nix zu trinken. Deswegen ist das gelbe Stangeneis an dieser Trinkhalle
nicht angesagt. "Und Schlüpferstürmer is nich da",
sagt Elvira Igrec achselzuckend und verfällt in Schweigen. Die
alte Trafikantin ist auch ohne Schlüpferstürmer sichtlich
von den Socken. Schließlich umzingelt gerade unvermittelt ein
knappes Dutzend sensationsdurstiger Menschen ihre kleine Bude. Sie
wollen hier zur Vergnügungstour starten: Kneipen und Trinkhallen
des weltberühmten Stadtteils Duisburg- Hochfeld stehen heute
abend auf dem touristischen Besuchsprogramm.
Saufen als Kulturgut! Da will sich der zuständige Fremdenführer
natürlich nicht lumpen lassen. "Die Elvira rückt
jetzt erst mal für jeden 'n Pinneken Wodka raus", sagt
Fremdenführer Uedingslohmann und gießt sich gleich mehrere
der niedlichen kleinen Flaschen in den Schlund. Ehrfürchtig
bestaunen die Touristen diese erste stadtteiltypische Attraktion.
Aber noch will so recht keiner mittun. Die Fähigkeit zur Stadtbilderklärung
verdankt Klaus Uedingslohmann dem Umstand, daß er eine Straße
weiter wohnt.
Zudem ist er ein recht berühmter Musikant, vor Jahren schon
besang er hymnisch die schweigsame Trinkhallenbesitzerin: "Elvira
anne Ecke, da wo ich Kippen kauf, hat auch so ihre Tage, da isse
schräge drauf." Weil die Befindlichkeit der alten Dame
auch heute etwas zu wünschen übrig läßt, lotst
der Fremdenführer seine noch mäßig durstigen Schäflein
jetzt in eine Tränke namens "Rauchfang". "Sachtma
wat", sagt er dort, breitbeinig an der Theke sich fläzend.
"Ein Pils", antwortet, nicht faul, ein Tourist endlich
das, was von ihm erwartet wird. Nach diesem ersten gelungenen Gespräch
drängt sich eine Schmalspur-Version von "We are The Champions"
in den akustischen Vordergrund.
Einen Rauchfang hat die Pinte gleichen Namens auch im Hinterstüblein
nicht. Hier wie im Tresenraum wird der überschüssige Rauch
der Zigaretten vom Gilb verspeist, der in den Gardinen sitzt. Vier
Frührentner sind von den Kieztouristen, die hier Originale
spähen wollen, sichtlich unbeeindruckt. Die alten Kümmerlinge
wenden sich mürrisch ab. Aber Wirt Willi brüstet sich
vor dem unerwarteten Publikum: "Ich hab noch nie die Polizei
hier gehabt", erklärt er stolz, "nich, weil ich so
groß und stark bin, sondern weil meine Gäste so ruhig
sind." Leider würden es von Jahr zu Jahr weniger, legt
er dar, "die ganze Arbeitslosigkeit, keiner hat mehr Kohle
auf Tasche und der ganze Dreck".
Dabei gilt Willis Schankbetrieb, schwer gemütlich durch viel
rustikale Eiche, in der Hochfelder Absturzhierarchie als edelste
Adresse, wie der Fremdenführer zu rühmen weiß. Die
Geschmackssicherheit des klagenden Gastronomen erweist sich schon
beim ersten Augenrollen: Hinter dem Tresen ist eine Magnumflasche
Asbach mit einem Rudel Tütensalamis zu einem Stilleben vernagelt.
Über dem Zierrat wachen die Argusaugen einer kindskopfgroßen,
penetrant grinsenden Schokolinse. Der Uedingslohmann redet lustig
daher. Der heutige Zug durch die Gemeinde wankt nämlich, folgt
man seinen Worten, in den Fußstapfen einer großen Tradition.
Einst seien viele junge Menschen, die hier ihre Heimat haben, regelmäßig
Freitagabends, schamlos Alkohol mißbrauchend, die Hochfelder
Piste entlanggeschlittert, um dann bis morgens früh in einem
stadtbekannten Tanzlokal zu versumpfen.
"Laß zahlen", sagt der Kiezkundige drei Pils später
und führt die ihm Anvertrauten zur Abwechslung in ein muselmanisches
Lokal. Dessen Name ist "Sankt Johann". Doch nicht einmal
der Evangelist sitzt auf dem Arme- Sünder-Bänklein am
Tresenende, das hier, Gott allein weiß warum, "Rentner-
und Lügenbank" heißt. Dafür hat die Gaststätte
eine Jukebox, mit deren Hilfe der Fremdenführer wieder unauffällig
die geistige Führung übernehmen kann. "Hasse den
Zebra-Twist in die Kiste?" fragt der Uedingslohmann, "auch
'n Pils und Wodka, na klar." Aus der scheinbar arglosen Frage
entwickelt der Stadtbilderklärer spontan einen kleinen Vortrag,
demzufolge er eigenmündig "eine völlig verrockte
Version" des Meidericher Schlachtengesanges intoniert und in
Rillen gezwängt habe.
"Zebrastreifen weiß und blau, ein jeder weiß genau,
dat is der MSV" lautet der eingängige Text, der an Heimspiel-
Samstagen in jedem der über 30 Schankbetriebe dieses völlig
unterschätzten Stadtteiles die Stimmung hebt. Auch über
den Stadtteil selbst hat sich der singende Fremdenführer lyrisch
verbreitet: "Hochfeld riecht nach Gyros, Schweiß und
Rauch, da wohnen Menschen mit Gefühlen, und die meisten hab
ich auch." Tatsächlich scheint der Musikus über ein
unbezwingbares Durstgefühl zu verfügen. Wieder auf der
Meile zur nächsten pittoresken Trinkhalle. "Eine Runde
Schlüpferstürmer", ordert der Uedingslohmann. Aber
bei Trinkhallenmister Bayram Döngü muß sich der
Hochfelder Getränkekenner mit einem sicher nicht minder verwegenen
Alkoholikum namens "Busengrapschers Brombeerlikör"
zufriedengeben.
Von der Poesie der Likörbezeichnung merklich inspiriert, geleitet
der Brombeerfreund die bestürzte Reisegruppe nun zum Hort der
Weissagung und der Dichtkunst - in eine griechische Kaschemme namens
"Apollo". "Ist doch ganz nett hier, ideal für
den totalen Absturz", werden die Kurzstreckenreisenden beschwichtigt.
Trotzdem werfen die Touristen einander furchtsame Blicke zu, Übles
scheint zu dräuen. Ein mäßig elegant gewandeter
Mensch erhebt sich vom Barhocker und kommt drohend, aber langsam
auf die verirrten Reisenden zu. Aufs rechte Unterlid ist ihm eine
Träne tätowiert, auch seine beiden Fäste triefen
von eingespritzter Tinte. "Ihr seid wohl ganz Clevere, wa?"
eröffnet der Mann das Gespräch und wartet lauernd ab.
Doch der Musikus Uedingslohmann versteht es, die Situation zu entkrampfen.
Laut gröhlend stimmt er plötzlich ein griechisches Trinklied
an. Ein ums andere Mal. Oft, sehr oft also. Währenddessen können
sich die ihm anvertrauten Erlebnisreisenden unauffällig vom
Acker machen. Einer nach dem anderen.
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