| Einzig die
Zeit währt ewig. Vor allem dann, wenn man im Ungewissen warten
muß. Und wenn das Bier in der Cafeteria, wo die Erdenfreunde
einander beim Körnerpicken milde anlächeln, fast ungenießbar
lauwarm ist. Alle sind sie Anhänger des Gaia-Glaubens, sie schöpfen
alle Kraft aus ihrem Glauben an die Erde. Für die Gaias ist der
blaue Ball ein lebendiger Organismus. Aber wo, zum Scheitan, steckt
bloß der Schamane?
Seit Tagen rückt keiner der in Gelsenkirchen-Ückendorf
versammelten Erdenjünger so recht heraus mit der Sprache. Dabei
will das bunte Völkchen doch als wissend gelten, sofern es
um die Frage aller Fragen geht. Oft raunen sie achselzuckend, der
Geisterbeschwörer habe sich verflüchtigt. Einige warnen
gar vor ihm. Hat der gute etwa den bösen Blick? Andere weisen,
nach dem Heiler befragt, unbestimmt in die Ferne. "Hinten,
bei seinem Tipi, dort könnte er wohl sein." Doch vor diesem
Tipi bellt nur ein Wachhund, der sich schon mit guten Worten zähmen
lässt. Allerdings scheint das Zelt bewohnt, denn es im Umfeld
riecht es nach Gemüsesuppe.
Aber dem Suchenden offent sich hier mitnichten eine Tür, also
muß er volle Elle auf die Zeltbahn klopfen. Von innen antwortet
eine verschlafene Frauenstime: "Der Jürgen wird schon
kommen. Und wenn nicht, dann leite ich eben die Schwitzhütten-Zeremonie."
In dieser Sekunde fährt ein Auto vor. Zufall? Jürgen,
Schamane aus Berufung, leibhaftiger Mittler zwischen Menschen und
Geistern, ausgebildeter Zeremonienmeister des Schwitzhütten-Rituals,
entsteigt einem staubigen, alten Kombischlitten. "Scheiße,
der ganze Ruhrschnellweg war dicht", knurrt er, "ich hab'
Stunden im Stau gestanden". Von der Frau im Inneren des Tipis
will er wissen, wer sich zum heutigen Schwitzhütten-Ritual
berufen fühlt. Die Neigungsindianerin will Phoenix gerufen
werden.
"Den Namen hab' ich von einer Medizinfrau, soweit ich weiß,
is' Phoenix ne Sagenfigur", erläutert sie sich. In der
letzten Woche war das Interesse an Schwitzhütten im Ruhrgebiet
größer als erwartet, mehr als 70 Menschen heizte der
Heiler im Rundzelt am Waldessaum ein. "Mich wundert das nicht,
denn die Schwitzhütte ist eine sehr schöne Methode, sich
weiterzuentwickeln und gleichzeitig ein Geborgenheitsgefühl
zu bekommen", spricht Jürgen abgeklärt. Phoenix gibt
im Indianerzeit einen kurzen Rapport, während sie im Schneidersitz
versiert einen Mokassin näht. "Der Koch mit dem Dinkel
wollte mitmachen und auch der kleine Student mit dem Brennessel-Tee".
Die Squaw hat ein tätowiertes Herz am linken Daumen, sie trägt
einen Talisman aus Haaren.
So wie man's kennt, glimmt ein kleines Feuer im Tipi, der Rauch
entweicht oben in einer Öffnung des Zeltdaches. Beschaulich
lebt es sich in den Weiten der Prärie zwischen dem Halfmannshof
und Wattenscheid-West. Langsam steigt der Mond empor, morgen ist
Vollmond. Der Birkenhain im Hintergrund wiegt sich sanft, allmählich
verliert sich das Realitätsprinzip im Äther. Zum sich-Fallen-lassen
bleibt keine Zeit, denn fordert fiept im Tipi ein Quartzuhr, das
Schwitzhütten-Ritual kann pünktlich beginnen. Während
das Holz gesammelt wird, nicht ohne sich bei ihm zu bedanken, daß
es sich fürs Feuer hergibt, erläutert der Schamane die
geheimen Bedeutungen der Zeremonie. "Zunächst machen wir
ein Feuer, welches das männliche Prinzip repräsentiert.
Darin erhitzen wir Steine, für uns sind es die Samen von Großvater
Sonne." Nicht eine beliebige Anzahl Steine wird heiß
gemacht, sondern genau 44, "weil einerseits diese Zahl heilig
ist und man andererseits eine Menge Steine braucht."
Sind sie Sonnenspermien erhitzt, geltend sie der Schwitzhütte,
dem Uterus der Erde, als überaus fruchtbar. "Und in der
Hütte produzieren die Steine ein ganz tolles Gefühl für
die Erde", verheißt der Schamane. Vorausgesetzt, die
Steine wurden vorher von der Feuerfrau gesegnet. Phoenix ist heute
die Feuerfrau, damit fällt ihr das Privileg zu, die heiligen
Kräfte anzurufen. Von denen gibt es 20. "Ich rufe die
vier Himmelsrichtungen, Liebe, Vertrauen und Hoffnung", steigt
sie ein. "Heilige Kräfte, nehmt diese Prise heiliger Kräuter
- Erde, Wasser und Luft, kommt in diese Schwitzhütte."
Auch Ahnen und Tiere beschwört die Feuerfrau lautstark, während
sie Salbei in die lodernden Flammen wirft. Yin, Yang und die auch
die Choreografie der Energiebewegungen werden angerufen, stickum
gruppieren sie sich um das Lagerfeuer.
"Hallo, ihr Feuergeister, macht es schön warm hier",
spricht die Priesterin pragmatisch eingedenk der spätherbstlichen
Temperatur. Und der Zauber wirkt, bald ist es so warm, daß
die Lederjacke ausgezogen werden kann. Nur der Schamane behält
seine an, er ist zu stark erkältet. An die Schwitzwilligen
werden sandgefüllte Kalebassen ausgegeben, eine Handtrommel
gibt einen langsamen Rhythmus vor. Der Schwitznovize aus Bochum,
zur Feier des Abends, trägt er Mokkasins, schlägt mit
seiner Kalebasse achtlos auf Mutter Erde herum. Der Mann wirkt ein
wenig nervös. Aber die ehrfürchtigen Gesänge zweier
erfahrener Schwitzerinnen beruhigen auch ihn. "Spirit of the
rain, wash away my pain, spirit of the fire, burning desire, spirit
of the ocean, depth of emotin", singen die weisen Frauen ein
ums andere Mal. Langsam brennt das Feuer nieder, und die Spannung
steigt schnell.
Zwei Hunde, vom Feuer angelockt, werden von Schwitznovizen zur
Erregungsabfuhr genutzt. Während diese ihre vierbeinigen Verwandten
kraulen, schreitet der Schamane im Ritus voran. Er heißt die
Teilnehmenden sich zu entkleiden, steht plötzlich selbst im
Morgenmantel da. "Bevor ich es vergesse, bitte ich um eine
kleine Spende, vielleicht zwanzig Mark", geht er die fröstelnden
Freiwilligen an, dieweil seine Rechte mit einem Adlerflügel
wedelt. Die Feuerfrau ist entzückt: "Immer wenn ich den
geweihten Flügel berühre, bekomme ich eine Gänsehaut",
flüstert sie. Und Susanne, auch sie wohnt im Tipi, bietet dem
Schamanen einen Lederbeutel als Spende dar. "Toll, das trägt
sich gut auf der Haut", sagt der Schwitzhütten-Leiter
beglückt. Mit dem magischen Adlerflügel segnet er die
nackten Leiber, die in Gestalt einer gesitteten Anstellschlange
der Wiedergeburt im Schoß der Mutter Erde harren. Ein jeder
Schwitzwillige sucht sich, den Gebräuchen gemäß,
im Uhrzeigersinn seinen Platz in der Hütte.
Innen ist es schweinekalt. Und natürlich zappenduster. Wer
nicht auf Gras sitzt, sitzt auf seinem Handtuch. Die Feuerfrau schafft
mit einer Metallgabel zur Rotglut erhitzte Steine heran. Sie lässt
sie ins Erdloch plumpsen. "Vorsicht, schöne heiße
Steine", deklamiert sie immer wieder. "Seid gesegnet,
ihr schönen heißen Steine", psalmodiert der Schamane,
bestreut die Sonnensamen mit Salbei und zieht immer wieder seinen
Nasenschleim hoch. Sofort verglüht der Salbei auf den Steinen,
ziemlich harmlos und richtig nett sieht das aus. Von außen
wird das Zelt luftdicht verschlossen. Sofort stellt sich das Kamingefühl
ein. Vorne heiß, hinten kalt. Schon wieder beschwört
der Schamane alle möglichen Geister. Bei Gott, es gibt viele.
Dabei gießt er Wasser auf die Steine, immer wieder, bis die
wenige Luft durch den Dampf glühend geworden ist. Bis es schmerzt,
wenn man atmet. Bis man eine absolut konkrete Vorstellung davon
bekommen hat, was es bedeutet, bei lebendigem Leib gesotten zu werden.
Hechel! In der ersten Runde beten die Gedünsteten für
sich selbst. Und zwar so laut wie möglich: Jeder muß
den wildfremden Anderen bekennen, was er für sich immer schon
gewünscht hat. Schweiß verbindet! Zur Belohnung gibt
es eine weitere Wolke Dampf, denn der Dampf trägt die Wünsche
zum Himmel. So sei es! Die anderen summen und klatschen in die Hände.
Möglich, daß sie während der Schinderei auf engstem
Raum Platzangst haben.
Oder Atemnot. Und Schweißausbrüche natürlich. Nur
noch drei Runden. Jetzt wird für andere gebetet. Gott, Welt
und Treibhauseffekt zu verfluchen - diese Nummer läuft hier
nicht, auch hier muß das Pathos laut heraus. Also befördert
der tödliche Wasserdampf viel Idealismus in den Nachthimmel,
dort kondensiert er nach den ewigen Gesetzen der Thermodynamik.
Aber im Inneren der salbevergifteten Dampfhölle sagen sie alle
nur: How! Allmählich werden die Gequälten zu Tieren, der
Schwitzhütten-Leiter will es so. Jeder der Armen ist verdonnert
im archaischen Code des Tieres zu schreien, das er in Wahrheit ist.
Ein babylonischer Zoo. Weinen, Lachen, Husten. Um frische Steine
zu holen, wird nach unbestimmter Zeit, die Hütte geöffnet.
"Wenn Ihr mit der Nase am Boden bleibt, kriegt Ihr vielleicht
etwas Luft", macht der Schamane den Gemarterten Mut. "Neue
heiße Steine", krakeelt die Feuerhexe mit maliziösem
Timbre.
Tür zu, Wasser dampf! Subjektiv betrachtet verläuft jede
Schwitzhütte schlimmer als die vorangegangene - und das ist
die einzige Sichtweise, die hier zählt. Die letzte Runde ist
dem Osten gewidmet, nur der Osten ist toten still. Schwach ist zu
hören, wie der verschnupfte Schamane eine Kelle nach der anderen
auf die Feuersteine scheppt. Ununterbrochen. Keine Kraft zum Husten
mehr. Sinn, Raum, Zeit und Kreislauf werden zu relativen Größen,
stoßen empor zu unbekannten Dimensionen, aber da is' auch
nix los. Und so taumeln sie in freiem Fall wieder herab. Die Bezugsgrößen
des Seins manifestieren sich endlich in einem mittleren Kreislaufkollaps
auf der Wiese vor der Schwitzhütte. How! So war es! Einen ganzen
Adlerflügel für ein trockenes T-Shirt, vielleicht mit
der Aufschrift: Ich habe die Schwitzhütte überlebt.
"Insgesamt eine sehr sanfte Schwitzhütte" befindet
Susanne, die sich in bitterkalter Nacht draußen vom Feuer
trocknen läßt. Sie lädt die Wiedergeborenen in ihr
Tipi zur Gemüsesuppe ein. Vielleicht gibt es stattdessen auch
kaltes Bier.
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