| Der Scheideweg
für Venlo-Touries, die aus dem Westen mit der Bahn anreisen,
ist der Bahnhof Viersen. In dieser Kleinstadt ist der Umstieg in den
'Rhein-Holland-Express' fällig. Wer etwa mit der Regionalbahn
3 aus Richtung Hamm quer durchs das Industriegeläuf der Ruhrstadt
düste, erlebt nach dem Zugwechsel das weite Land des linken Niederrheins.
Der grenzüberschreitende Express hält an jeder Kuhglocke.
Haltepunkte wie Dülken, Boisheim und Breyell werden stündlich
angesteuert. Vormittags sticht tief die Wintersonne ins Abteil,
braches Ackerland und Kirchturmspitzen ziehen gemächlich vorbei.
Auf einem Hofdach längs des Gleises sticht ein Windrichtungszeiger
in den Himmel. Statt eines Wetterhahnes zeigt er eine scharzgescheckte
Kuh.
Nach etwa einem Viertelstündchen Landidylle ist das Ziel in
Sicht. Jenseits der grünen Grenze: Die Autokennzeichen sind
plötzlich gelb, die Häuser nicht mehr ziegelrot. Leichtbauten
stattdessen, mit Fenstern ohne Gardinen. Am Bahnhof Venlo trottet
jetzt die Konsumentenhorde über den Bahnsteig. Wie üblich
sind das auch an diesem Samstag vor allem Kids und Rentner.
In Sachen Grenzlandschmuggel haben beide Gruppen eine lange Tradition:
Als Zoll und Steuern noch die Preise machten, lohnte es sich für
die älteren Normalverbraucher über das Maß hinaus,
Zigaretten und Kaffee nach Deutschland zu bringen. Und für
die jungen Konsumenten war Venlo immer schon das Einkaufsparadies
für Dope und Gras.
Am Bahnhof findet eine Erstkontrolle von nur unter Nichteuropäern
statt. Wer bei der Einreise etwa dunkelhäutig aussieht, der
muß Pass und Visum zücken. Andreas und Gerd, die von
sich sagen, dass sie aus Essen kommen, ficht das nicht an. Sie wirken
deutsch und cool genug für ihre ganz spezielle Einkaufstour.
Schon vor dem Bahnhof werden die beiden in dieser Sache von der
Seite angequatscht. An einem leeren Polizeiauto lehnt einer dieser
Schlepper und offeriert den Interessenten ungefragt den Weg zum
gern genommenen niederländischen Lampengras. Gut und billig
natürlich.
Bis in den späten Abend stehen die Schlepper an jedem einigermaßen
zentralen Ort der kleinen Handelsstadt. Schließlich sind knapp
70 illegale Verkaufsstellen von Cannabisprodukten mit Kunden zu
versorgen, wie man in der Stadtverwaltung weiß. Das große
Angebot ist Quintessenz grenzübergreifender Marktwirtschaft:
In einem Radius von 50 Kilometern rund um Venlo wohnen fünf
Millionen Menschen, die meisten in Deutschland.
Ein anderer Bahnhofsschlepper schießt den Vogel ab, er bietet
eine Rollerfahrt zu einem der illegalen Coffeshops. "Das dauert
drei Minuten", sagt der Schlepper und sogar einen Helm für
seinen Sozius hat er dabei. Per Handy avisiert er erst mal seinen
Kunden, dann geht die kurze Fahrt in Richtung Maas. An einer Querstraße
des Maasufers deutet er auf ein Haus: "Da einfach klingeln,
Du wirst schon erwartet." Was dieser Job jetzt für ihn
einbringt? "Prozente, was du kaufst."
Im Haus steht auf dem Absatz einer steilen Treppe ein Typ, und
bittet raufzukommen. Er geleitet in einen Raum im ersten Stock.
Das muß früher eine Küche gewesen sein, Spüle
und Herd wurden wohl von der Wand gerupft. Aber der Kühlschrank
ist noch da. Zwei Jungs in den Zwanzigern sitzen an einem kahlen
Tisch, darauf ein Walkie-Talkie, ein Mikrohandy und ein Aschenbecher,
in dem eine Tüte qualmt. Das erste Angebot: "Was trinken?
Red Bull? Cola? Seven Up?" Es klingelt, herauf kommt eine Frau
mit Einkaufsabsicht. Eigens aus Neuss, sagt sie. Die verzichtet
aufs Getränk, kauft schnell zehn Gramm Gras für 110 Mark,
Marke 'White Widow' und geht dann wieder.
Jetzt soll in dem grasverqualmten Kabuff zur Frage werden, was
die jungen Dealer vom 'Plan Hektor' halten. Der scharfe Hundename
bezeichnet ein auf fünf Jahre angelegtes "Programm zur
integralen Sicherheitspolitik". Herumhängende Schlepperbanden
sollen zerstreut, illegale Coffeshops geschlossen werden. Doch der
Dealer, der sich Picasso nennt, sagt nur kurz angebunden: "Noch
stört uns das nicht" und fragt: Was willste kaufen?"
200 Meter weiter östlich in Venlos neuem Rathaus sitzt 'Hektors'
Communicatieadviseur Elke Haanraadts und gibt das offizielle Lagebild
zum Besten. Und so siehts aus: Der Absatz von Cannabisprodukten
ist in der Stadt steil angestiegen. Folge der offenen Grenze und
der restriktiven Drogenpolitik in Deutschland. In Venlo führt
dies zu erheblichen Belästigungen der Einwohner. Öffentliches
Urinieren, wildes Parken, Lärm, Klingen auf der Suche nach
dem Dope. Herumhängende Schlepper schüchtern ihre Umgebung
ein. Betreiber von illegalen Coffeeshops lassen ihre Häuser
verfallen. Organisiertes Verbrechen verfestigt sich.
Mit ihrem Hektor geht die Stadt dagegen an: Etwa durch die Wiedereroberung
des öffentlichen Raums, dadurch dass jegliche Belästigung
unterbunden wird. Wer an der Ecke rumsteht, wird gefilzt und darf
vielleicht mitkommen. Wer wild parkt, kommt an die Kralle. Wer durch
die Gegend pullert, muß löhnen. "Low-tolerance-Politik"
nennen sie das.
Oder mithilfe eines runden Tisches von Stadtverwaltung, Polizei,
Justiz, Finanzamt, Steuer- und Zollfahndung. Diese Institutionen
nehmen die Strukturen des illegalen Vertickens aufs Korn und entdecken
Möglichkeiten, den Hintermännern das Leben schwer zu machen.
Vielleicht kann ein illegaler Coffeeshop wegen Baumängeln endgültig
ausgehoben werden, Betreten verboten wegen Einsturzgefahr. Vielleicht
kann man den Hausbesitzer, wie einst Al Capone, wegen Steuerunregelmäßigkeiten
drankriegen. Vielleicht haben die Betreiber des Shops was nützliches
zu verbergen.
Erfolge haben sich schon eingestellt: Polizeiliche Ermittler stellten
binnen acht Monaten 115 Kilogramm Cannabis sicher und beschlagnahmten
anderthalb Millionen Gulden. Die Straßenstreifen überstellten
255 Personen dem Schnellrichter, sie beschlagnahmten 161 Kilogramm
Cannabis. Zudem wurden 33 Wohnungen und neun Gaststätten behördlich
geschlossen.
"Unsere Absicht ist, alle nicht genehmigten Verkaufsstellen
zu schließen", lässt Elke Haanraadts keinen Zweifel.
Was dann bedeuten würde, dass es nur wenige legale Coffeshops
in der Stadt gäbe. Wie die 'Oase' in der Nähe des Marktplatzes.
Da hängen jetzt Andreas und Gerd aus Essen schon leidlich bemützt
herum. Während hinter dem Tresen des Ladens der Dealer zur
Hochform aufläuft. "Mach schnell, hinter Dir sind auch
noch Leute", weist er auf die Käuferschlange hin, die
beinahe bis zur Eingangstür reicht. Maximal fünf Gramm
Harz oder Gras dürfen hier, behördlich geduldet, pro Person
erworben werden. So emsig wie die Markthändler nebenan ihre
Käsestücke, wiegt und verpackt unser Mann seinen Stoff
im Akkord. Und wer auch immer daran verdient, sie scheffeln nicht
schlecht. In 40 Minuten lassen sich 54 Leute ihre Plastiktütchen
füllen. Geschätzter Umsatz: 1800 Euro.
Im alteingesessenen Rastaladen an der Grenze der Shoppingmeile
geht es gemütlicher zu. Der jahwe-gläubige Shopowner zeigt
an der Wand eine Bilderserie seiner kleinen Tochter und hat Venlos
neue Drogenpolitik schon seit Jahrzehnten vorweggenommen: "Nehmt
Rücksicht auf die Nachbarn", ist auf einem verstaubten
Schild zu lesen, "Aggression ist nicht erlaubt". Im Rastaladen
kriegt nur der zu rauchen, der zuvor Kaffee oder Milkshake trinkt
und der Ruhe pflegen will. Die Sprache verrät, dass es wohl
viele Niederländer sind. Laufkundschaft ist hier Samstag Nachmittag
nicht zu beobachten.
Sofern die Schnelleinkäufer demnächst per Auto nach Venlo
anreisen, führt die Gemeinde sie raus aufs platte Land. Am
Stadtrand wird Venlo zwei Coffeeshops genehmigen - McDopes, die
gewährleisten sollen, dass Cannabiskonsumenten nicht mehr in
die Innenstadt einfallen. Im Frühjahr wird sich zeigen, ob
das Konzept verfängt.
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