| Dieser Prügel
ist eine todsichere Sache. Und sogar nicht letal: Du hast diesen dicken
Zylinder in den Pfoten, drückst dann auf irgendeinen Knopf auf
dem Ding. Sofort fliegt ein Textilgespinst aus dem Rohr. Im Fluge
verstetigen sich die Fasern, das Netz entfaltet sich auf 25 Quadratmeter
Fläche und hüllt jetzt den Bösewicht unentwirrbar ein.
Je heftiger der Gefangene im Netz zappelt, desto mehr verheddert er
sich darin. Weil sich innerhalb des reißfesten Netzes dessen
Verknüpfungspunkte verschieben. Das ist eine jener exotischen
Schutzapparaturen, die die Leipziger 'Gesellschaft für Technologieaufbau'
dem schwer beeindruckten Fachpublikum der Essener 'Security' gern
vorführt.
"Wir packen die Jungs", rühmen sich diese Menschenfischer
selbst. Auch gegen das im Osten in Mode gekommene Delikt des Blitzeinbruchs
haben sich die innovativen Sachsen gewappnet: Sie fertigten einen
"Wirkkopf mit Stahlseil", der blitzschnell eine Fußfessel
um die Beine des Täters schlingt und "damit dessen Bewegungsspielraum
extrem einschränkt". Das neuartige Gerät, das ausschließlich
Gefangene macht, ist pro Schlinge schon für weniger als Tausend
Mark zu haben. Zusammen mit dem Netzwurf-Rohr soll sich "ein
aktives Einbruch- und Überfallschutzsystem ergeben. Effizient,
billig und leicht aberwitzig. Essens Bürgermeisterin Rosemarie
Heimig ist mächtig begeistert von derartigen Erfindungen der
boomenden Sicherheitsbranche. Die christdemokratische Law-and-Order-Sympathisantin
preist die 'Security' auch generell: "Hier werden Trends frühzeitig
erkennbar, hier reifen Ideen für die Weiterentwicklung von
Produkten." Schließlich ist die bis Freitag dauernde
Großveranstaltung die weltgrößte Sicherheitsmesse.
Über 800 Aussteller aus 30 Nationen stellen hier ihre Leben
oder Eigentum schützenden Produkte aus. Seit 22 Jahren gastiert
die Messe für Sicherheitstechnik in der Lichterstadt. Früher
kamen zehntausend Besucher, heuer werden mindestens 35 ooo erwartet.
In der typischen Atmosphäre mit der großen Schnauzbart-Dichte
soll das Pinneken Reizgas genauso unter die Leute gebracht werden
wie Daimlers monströses "Sonderschutzfahrzeug auf Basis
der S-Klasse". Der 600er Pullmann kommt auf knapp fünf
Tonnen Kampfgewicht. 394 Pferdestärken bewegen seine zwölf
Zylinder. Damit erreicht das Hunderttausende kostende Panzerfahrzeug
eine Spitzengeschwindigkeit von ganzen 160 Stundenkilometern. Denn
schnellere Fahrten lassen die schußsicheren Reifen nicht zu.
"Dieser Schütze kann schießen, der ist nämlich
zertifiziert", versichert der Anreißer während einer
Freiluftvorführung zwischen den Messehallen. Gleichwohl begibt
sich das Publikum in diesem "Action Center" vorsichtshalber
hinter den elektrisch geladenen Sicherheitszaun mit dem beziehungsreichen
Namen 'Classic'. Zu sehen gibt es einen Beschußversuch auf
Polycarbonat. Der Mann mit dem Gewehr legt also auf ein Glasfenster
an, drückt ab, und das Glas hält stand. Mehr noch: "Ich
bitte zu beachten, daß kein Splitterabgang vonstatten ging",
schwärmt der Anreißer angesichts der angeschossenen scheibe.
Sein Fachbetrieb ist darauf spezialisiert, eine drei Zehntel Millimeter
dünne Spezialplastik-Folie auf Scheiben zu kleben, um sie schußfest
zu machen, garantiert dazu "die absolute Blasenfreiheit".
Dieweil umschleicht in der Halle nebenan ein leibhaftiger Panzerknacker
die Außenseite einer Rollade. Doch weit und breit ist kein
Tresor zu sehen. Der mit einer schwarzen Larve maskierte Vorzeigetäter
hat sich wohl in der Adresse vertan. Und das einbruchssichere Rollo
zu knacken vermag der Vermummte ohnehin nicht. Frustriert schlägt
er darauf ein.
Ein paar Ecken weiter hinten hüllt sich die Szenerie sukkzessiv
in Nebelschwaden. Denn eine gewisse 'Silent Power' breitet sich
hier aus: Der von der Firma 'Sinetec' aus Pfaffenhofen so benannte
"Airbag gegen Einbrecher" ist in Wahrheit ein Vernebelungsgerät.
Der schuhkartongroße Kasten wird zunächst an eine Einbruchmeldeanlage
angeschlossen. Wenige Sekunden nach Auslösen eines Alarms speit
diese Kiste weißen Qualm in rauhen Mengen. Bis zu 750 Kubikmetern
werden ausgestoßen. In der Folge verliert sich also jeder
ungebetene Gast in einer dichten weißen Nebelbank. Hundertprozentige
Sehbehinderung und sofort eintretende Orientierungslosigkeit verheißen
die Nebelwerfer. Nicht einmal Lampen sollen den Spezialnebel durchdringen
können.
Weil sie sich dessen sicher sind, starten die Rauchwarenhändler
auf ihrem Messestand stündlich ein Experiment mit Freiwilligen.
Die Opfer werden in einen verglasten Raum gepfercht, volle Suppe
benebelt und dürfen nach von der Decke baumelnden Geldscheinen
angeln. Wie aber kann man sich schützen, wenn ein Projektil
auf dem Weg zum Ziel durch die Nebelwand huscht? Damit ein solches
Geschoß nicht direkt auf Menschenfleisch trifft, gibt es auf
dem Essener Weltmarkt der Sicherheit Schutzwesten in großer
Zahl: Den Überkleidern gemeinsam ist eine Kunststoff-Faser
des französischen Chemiemultis 'Dupont' - der Stoff namens
'Kevlar'. Diese Faser ist fünfmal zäher als Stahldraht,
wiegt aber viel weniger. Also kann man mit einem dichtem Kevlargewebe
eine wirkungsvolle Panzerung erzielen. Über 1000 Polizisten
wurden in den letzten 15 Jahren durch derartige Schutzwesten vor
schweren oder tödlichen Verletzungen bewahrt.
Wie aber sieht es in diesen finstren Zeiten "in der Kriminalitätslandschaft
aus?" fragt die 'Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit der
Wirtschaft' auf der Essener Messe und gibt selbst die Antwort: Schlimm,
schlimm. Denn ausweislich dieser 'Zentralorganisation der Wirtschaft'
ist beispielsweise "ein großer Anstieg im Bereich des
Ladendiebstahls in jedweder Form zu verzeichnen". 677.500 Akte
derartiger illegaler Besitzergreifung erfasste die Organisation
im letzten Jahr, mit einer Dunkelziffer von 90 Prozent. Also setzt
der Handel "mit gutem Erfolg" auf private Sicherheitsunternehmen.
Gleichwohl verzeichnet die polizeiliche Kriminalstatistik des letzten
Jahres einen Rückgang der Straftaten und eine erhöhte
Aufklärungsquote. Auch im ersten Halbjahr dieses Jahres soll
nach Schätzungen des Bundeskriminalamtes die Zahl der Delikte
leicht rückläufig sein. Die Sicherheitsbranche ficht diese
deutliche Trendumkehr nicht an. Hier werden die lukrativen Geschäfte
aus dem subjektiven Unsicherheitsgefühl der Bevölkerung
gespeist.
Daß der Markt für private Sicherheitsdienstleistungen
boomt, stellt auch Fritz Behrens, der NRW-Minister für Inneres
und Justiz, in den Messehallen fest. In der Tat: Rund 1400 deutsche
Sicherheitsunternehmen erwirtschaften mit 1400 sozialversicherungspflichtigen
Beschäftigten und etwa 50 000 Kurzzeitbeschäftigten einen
Jahresumsatz von etwa 4,5 Milliarden Mark. Lediglich der Umsatz
der Sparte Sicherheitstechnik geht zurück. Ob Lauschangriffabwehrsysteme,
Videoüberwachung, Bewegungsmelder oder Funkalarmanlagen - überall
führt der Preisdruck zu einer verstärkten Verlagerung
der Fertigungsbereiche ins Ausland.
Die gewissenhaften Burschen der österreichischen 'International
Bodyguard Agency' interessiert das sicher weniger. Mit stoischer
Professionalität schützen sie wie eh und je ihren Promi.
Trotzdem der aussieht wie der Terminator. Denn es ist Schwarzenegger.
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