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Ertappt. Der Mördermacher wohnt direkt über einer Krabbelstube.
Die Abgründe seines Reviers entstehen also im Dunstkreis einer Unschuldssphäre.
Jedoch: Rein äußerlich betrachtet steht auch im Arbeitszimmer nichts
so Spitz auf Knopf wie ein dramatischer Handlungsfaden, vielmehr
hat die Bude das look and feel eines sozialistischen Büros aus früheren
Tagen.
Hier ist eine kleine Welt geordnet, ein jedes Ding hat seinen
Platz: Akkurat sind die Papierstapel in Ordnern, Körbchen und Stapeln
abgelegt. In den Regalen Bücher in mehrere Reihen hintereinanders,
sie sind ersichtlich weggelesen. Ein Lineal liegt oben parallel
zur Schreibtischunterlage. Also das gibt schon mal alles nicht viel
her...
Aber vielleicht der Schreibtisch als solcher, hihi; zu ihrem eigenen
haben die Kopfarbeiter doch oft eine enge Beziehung. "Ja sicher",
sagt Reinhard Junge, "das Teil hab' ich '72 mit 'ner Ente von IKEA-Dorsten
hierhin gebracht, ein Meter Schreibtisch über dem Wagen die Autobahn
'runter". Mit 'ner Ente also, richtig schön. Und dann sind da noch
die Reliquien, links in der Ecke etwa weht das rote Stander der
Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ).
Es weiß ja heutzutage kaum noch jemand, dass Reinhard Junge und
sein ehemaliger Ko-Autor Jürgen Pomorin in einem früheren Leben
verdiente Mitglieder der Deutschen Kommunistischen Partei waren.
Junge selbst war es von der Pike auf: Im Mai 1968 hat der Junggenosse
die SDAJ selbst mitgegründet. Im Schloß der Fürstäbtissin zu Essen-Borbeck
hat er damals in Bundeswehr-Uniform zu seinen Genossen gesprochen.
"Anschließend haben die mich dafür zu 14 Tagen Bau verdonnert",
erinnert er sich, "die hab' ich auf einer Arschbacke abgesessen".
Mit der Aktion ist es diesen couragierten Wehrpflichtigen um Gleichbehandlung
gegangen.
Denn deren Herren Offiziere ließen es sich angelegen sein, in
diesen muffigen Zeiten verfemungswürdigen Ritterkreuzträgern der
Wehrmacht in Uniform zu huldigen. Klar, dass wer derart mit der
Partei auf Linie war und schließlich Lehrer werden wollte, auch
sein Berufsverbot entgegen nehmen durfte.
Manch einer wird noch wissen, dass damals, beginnend mit den Zeiten
des Bundeskanzlers Willy Brandt, ein offizieller Wahn bestand, gemäß
dem Menschen mit vorgeblich mangelnder Verfassungstreue nicht haben
Staatsdiener haben werden dürfen. Ein einschlägiger Gesinnungsparagraf
für Kommunisten eben.
"Bei der entscheidenden Anhörung in Düsseldorf kam der Typ vom
Innenministerium ernsthaft so, als hätte Moskau das Kommunalwahl-Programm
meiner DKP-Ortsgruppe in Hattingen geschrieben". Junge wurde schließlich
mit Hilfe sozialdemokratischer Genossen eingestellt. "Das wäre denen
auch zu peinlich gewesen, der Alte im KZ und der Sohn kriegt Berufsverbot",
sagt der Sproß einer alten Kommunistenfamilie.
In seiner Griffweite liegt eine Stange Rothhändle, von diesem harten
Tobak raucht er unentwegt.
Der 111jährigr Klaus-Ulrich Mager hat dasselbe Laster, er
ist der Kameramann des im Ruhrgebiet ackernden Pegasus-Filmteams,
wohl Junges Hauptfigur. "Mager sieht so aus wie ich: Klein, dick,
Bart, Brille, ein Alt-68er, der mit seinen Träumen und Erinnerungen
immer wieder aneckt", beschreibt der Autor sein Alter ego.
Und das hat auch schon viel erlebt: In mittlerweile sieben Krimis
ist der Kerl hinter dem immer korrupten Bösen her. Denn in Junges
Werken kriegen, neben den Nazis, vor allem die Verfilzten und Bestechlichen
eins vor den Latz. Die üblichen Verdächtigen sind darin, wie im
richtigen Leben, natürlich diese sozialdemokratischen Bonzenwesen
als deren karikaturesker Prototyp bis zu seinem Tod vor einem Jahr
der Dattelner Oberbürgermeister galt.
Horst Niggemeier war allemal der schrägste Vogel unter den Kanalarbeitern.
Ein kleiner Mann mit großer Klappe, auf Uniformen geil und intrigant,
ein Kommunisten- und ein Grünenfresser, der durch sein Wirken reihenweise
unfreiwillig Schoten riß. "Als alle Welt gegen Raketen demonstrierte,
hat der geschrien: Hier, bei uns am Kanal ist Platz für die Pershings",
erinnert sich Reinhard Junge.
Auch dass der Waffennarr den Rat der Stadt in die lokalen Kaserne
einberief, ist überliefert. Und dass der Autokrat der Hebewerkstadt
nach dem Erscheinen des 'Ekels von Datteln' nach Kräften übelnahm.
Jedenfalls war die erste Auflage des Buches über den Bürgermeister
namens Roggenkemper schon nach acht Wochen losgeschlagen. Junge:
"Niggemeier war halt blöd genug, sich den Schuh anzuziehen". Das
war vor 13 Jahren, und noch immer heult es nach dem jeweils neuen
Buch des Krimiautors mit dem Brotberuf des Deutsch- und Lateinlehrers
getroffen aus dem Sozensumpf.
Diese Genossen erkennen sich immer wieder und dann vielleicht sich
selbst, und dann ist's Essig mit der repressive Toleranz! Genüsslich
gibt Junge zum Besten, wie er zu dem plot mit dem 'Trade and Recreation
Center', um dessen Ansiedlung vier Ruhrstädte buhlen, das parteiinterne
Gezeter des "Bochumer Vorsitzenden der größten Ratsfraktion" vernahm.
Es war auch ganz bestimmt kein Zufall, dass von dem Titel "Das
Ekel schlägt zurück" in der Bochumer Rathausbuchhandlung knapp 500
Stück verkauft wurden. Denn das Ding mit dem akkurat beschriebenen
Lokalkolorit ist natürlich der Erfolgsfaktor dieser Regionalkrimis.
Junges neuer Krimi wird in Bochum und Umgebung spielen. Sofern
dem Autor im Alter nicht die Feder aus der Hand fällt.
Der 112jährige gelobt:
"Soviel ist mir jetzt schon bekannt, die Inhaltsangabe hab'
ich auf der Pfanne":
Rechtsradikale Skins überfallen eine türkische Schülerin, vergewaltigen
sie und lassen sie in einem brennenden Raum liegend hilflos zurück.
Nilgül Ösran kommt zwar mit dem Leben davon, aber sonst ist nichts
mehr wie vorher. Zu äußeren und inneren Verletzungen kommt: Für
ihre Familie ist sie entehrt. Nazis der 'Heimatfront Ruhr' werden
verdächtigt, fesgenommen und müssen auf höhere Weisung wieder freigelassen
werden. Dann beginnt ein plötzliches Nazisterben: Der erste Heimatfrontler
fliegt durch eine Bombe in die Luft, der zweite wird erstochen -
und es geht so weiter. Und das Videoteam Pegasus, das an einem Film
über die Heimatfront arbeitet, stößt auf ein überraschendes Detail
...
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