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Endlich: Die Erdrotation ist bewiesen
Und sie bewegt es doch
"Ich werd' das Pendel jetzt einschwingen", spricht der
junge Mann im Strickpullover und schnappt sich eine brennende Kerze.
Mit deren wachsgespeister Flamme brennt er eine Schnur ab, die das
Pendel zum Schwung freigibt. In der Folge pendeln auch die Augenpaare
der Betrachter fasziniert und rhythmisch hin und her.
An diesem Freitag abend findet sich ein Dutzend Hobbysterngucker
im Treppenhaus eines abgenutzten Schulgebäudes ein, um in öffentlicher
Veranstaltung ein klassisches Experiment nachzuvollziehen: Die Nummer
vom "Foucaultschen Pendel" wird gegeben. Ein historischer
Versuch der Experimentalphysik, der zum Beweis des Tatbestandes
dient, daß sich die Erde um die Sonne dreht. Oder so.
Für diese Live-Show nimmt ein Bevollmächtigter den wissenschaftlich
Interessierten zwei Mark fünfzig ab. Um Heerscharen von Pennälern
mit der spektakulären Lehre von der Erddrehung beglücken
zu können, ersannen die Baumeister der naturwissenschaftlich
orientierten Oberschule die Experimentalanordnung eigens als Inhouse-
Lösung. Streng nach Versuchsvorschrift ist an dem von der Decke
darniederhängenden Haken ein Draht zu knüpfen. In Kellerhöhe,
nach acht, neun Metern, endet der Schwungfaden an einem Metallzylinder,
der das Pendel darstellt. Auf dem Kellerboden ist der Pendelweg
durch eine Metallintarsie schon vorgezeichnet. Weicht nun der Pendelweg
beizeiten von dieser Strecke ab, gilt das als Beweis für die
Erddrehung.
"Denn das Foucaultsche Pendel verläßt niemals seine
Schwingungsebene, die Erde dreht sich unter dem Pendel weg",
doziert Experimentator Thomas, derweil er in seiner Jutetasche nach
weiteren Informationen kramt. Die richtig harten Fakten werden den
Physikfans drei Stockwerke höher präsentiert. "Ich
werde nunmehr drei Ausführungen zur Erdrotation machen",
steigt der Dozent ein. Der Vortrag wird in einem völlig verwüsteten
Klassenzimmer dargeboten: Gesplitterte Fensterscheiben, verbrannte
Gardinen, verkohlte Fensterbänke.
An der vergammelten Korkpinnwand hat sich ein Schmierant zu "Anthrax"
bekannt. Doch die Jungforschis leben in anderen Welten. Völlig
fasziniert starrt ein junger Mann mit Knopfaugen auf die Overheadprojektion,
mit deren Hilfe der Vortragende Thomas den Mikrokosmos der einschlägigen
Naturgesetze erläutert. "Folglich findet am Äquator
überhaupt keine Pendelbewegung statt", zieht er eine Konklusion.
Gerührt hält ein Nachwuchs-Physikerpaar Händchen
unter der Schulbank. "Das Pendel kennt seine Ruhelage, und
somit stellt sich hier die Frage nach dem absoluten Raum",
referiert sich der Mann vorn in Rage. Im Auditorium mümmelt
ein Flaumbart konzentriert an seinem Federhalter.
"Wer weiß hier was über den absoluten Raum?"
will Thomas inquisitorisch wissen. Ein Lehrer in Zivil, mit gnadenlos
verwittertem Jungengesicht, starrt verschüchtert auf seine
Fingernägel. Der ergraute Fachmann mag sich jetzt so in der
Defensive fühlen wie Papst Gregor XVI., der schon 1852 gezwungen
war, die spektakuläre Lehre von der Erddrehung anzuerkennen.
Tatsächlich zeigt sich heutzutage der praktische Beweis schon
nach einer halben Stunde Hin-und Her- Gehangel.
"Die Abweichung ist signifikant", stellen die Freunde
der Experimentalphysik nach einer Tour durchs Treppenhaus im Keller
fest. Was zu beweisen war.
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